Kirche des guten Hirten

Quelle: Jürgen Bendig
Ende der vierziger Jahre begann der bisherige Gottesdienstsraum im Betsaal des evangelischen Pfarrhauses in Todtmoos knapp zu werden. Der verstärkte Zuzug von überwiegend evangelischen, Flüchtlingen, die nach Todtmoos kamen, machten einen Kirchenbau notwendig.

Durch Pfr. Wiegerung kam 1952 ein Mann in unsere Gemeinde, der in jeder Hinsicht eine glückliche Hand bei der Planung und dem Bau unserer Kirche bewies. In einem intensiven Austausch mit Gemeindegliedern entwickelte sich die Form und inhaltliche Ausgestaltung der Kirche. In den Freiburger Architekten Harald Erichsen und Fritz Eberhard fand er verständnisvolle Baumeister.
So kam es 1955 zur Grundsteinlegung. Am 17. Juni 1956 wurde die Kirche in einem durch Landesbischof Dr. J. Bender gehaltenen Einweihungsgottesdienst der Gemeinde übergeben.
Finanziert wurde der Bau maßgeblich von der Ev. Landeskirche in Baden und dem Gustav-Adolf-Werk.

Lassen Sie sich mit den Worten von Pfr. Kurt Wiegering durch die „Kirche des guten Hirten“ führen:
„Die evangelische „Kirche des guten Hirten“ ordnet sich bewußt turmlos in das Ortsbild von Todtmoos ein, dessen Wahrzeichen der Turm der Wallfahrtskirche darstellt. Auch das Geläut wurde ökumenisch auf die Glocken der größeren Schwesterkirche abgestimmt. So muß man den Bau, hinter dem stattlichen Pfarrhaus versteckt und an den Hang gelehnt, fast suchen. Als eine kleine Arche will der schlichte Raum Schutzbedürftigen eine Zuflucht bieten: Gemeinschaft der einst zerstreuten Diaspora, Ermutigung den Kranken, Stille den Feriengästen und Heimat den Vertriebenen.

Ihnen ist auch die Gedenktafel zugedacht, die den Eingang flankiert. Die Opfer der Gewalt, alte wie junge, ja Säuglinge, die Krieg und Flucht dahinrafften, aber auch der jüdische Mitbürger, den seine Tapferkeitsmedaille nicht vor Verschleppung und Vernichtungslager bewahrt hatte, sind beim Namen genannt. Schicksalswirrnisse und Todeswege sind in der Hand dessen, der Alpha und Omega - Anfang und Ziel aller ist. Er ruft uns alle heim: „Kommt wieder Menschenkinder!“. Gestiftet vom bedeutenden Lungentherapeuten Dr. Kaufmann wurde die Tafel von Prof. Kümpel in der Karlsruher Majolika gestaltet.

Die niedrige Vorhalle verbindet die Kirche mit dem schön getäfelten Betsaal und schafft eine Zone zwanglosen Beisammenstehens für eine weitverzweigte Gemeinde.
Gebietet die strenge Holztür, innezuhalten, bevor man das Kirchlein betritt, so lassen die Glastüren auf beiden Seiten durchscheinen, was drinnen geschieht: Zwei Psalmworte bilden den Gottesdienst ab: Bergung: „Der Vogel hat ein Haus gefunden, und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen, Deine Altäre, Herr Zebaoth.“ (Ps. 84,4) - zugleich Befreiung: „Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netz des Vogelstellers. Das Netz ist zerrissen und wir sind frei!“ (Ps. 124,7)

Quelle: Felix Groß

 

 

Die Vorhalle birgt ein besonderes Kunstwerk: Den Weihnachtsstamm des Todtmooser Holzschnitzers Paul Mutter. Unmittelbar bevor ihn der tödliche Unfall als Skilehrer ereilte, schnitzte er auf die Außenrundung die niederfahrenden Engel, vor denen die Hirten erschrocken zurückweichen, um das tröstliche: „Fürchtet euch nicht!“ zu hören. Denn die Höhlung des Stammes birgt das neugeborene Kind, unsern „einzigen Trost im Leben und im Sterben.“

 

 

 

Quelle: Jürgen Bendig
Der schlichte Innenraum unter der warmen Holzdecke strebt, sich unmerklich verjüngend, der leicht gebogenen Stirnwand zu.
Das Kruzifixus in dem zurückgenommenen Mittelteil sammelt den Blick.
Die Bronze von Gerhard Marcks ist nicht übermächtig, sondern hat die stille Eindringlichkeit eines durchgestalteten Meisterwerks. Anders als Barlach im Bronzekruzifix der Marburger Elisabethenkirche nimmt Gerhard Marcks die strenge Ebenmäßigkeit eines romanischen Christus mit ganz verhaltenem Ausdruck auf.


Quelle: Seufert

Nicht der Geschändete und Entstellte, sondern der selbst im Sterben Erhabene trägt das Dornengeflecht als Siegeskranz und Krone des Überwinders hoch auf dem Scheitel: „Es ist vollbracht!“. In einem Brief erklärte Marcks damals, daß er erfahren habe, wie außerordentlich Menschen zu leiden vermöchten. Ihn fordere das Geheimnis des Auferstandenen heraus. Das gibt seinem Gekreuzigten die Würde des Erhöhten. Er ist selbst zum Kreuzeszeichen geworden, ein andachtschaffendes Gegenüber für die Gemeinde das ganze Kirchenjahr hindurch.
Der kraftvoll geschwungene Altartisch steht einladend und von allen Seiten zugänglich darunter. Meister Radetzki hat ihn aus durchgängigem Nußbaumholz kunstvoll zusammengefügt. Betont ebenbürtig ist die Kanzel seitlich dicht an die Hörenden herangeschoben.

 

 

Quelle: Jürgen Bendig

 

Helles Licht fällt, ohne zu blenden, durch die seitliche Fensteröffnung in den Chorraum. Hans Gottfried von Stockhausen hat die Glasfenster gestaltet. Das Chorfenster legt das 10. Kapitel des Johannesevangeliums vom guten Hirten aus. Festgewurzelt in die Erdwölbung steht der gute Hirte zwischen seinen Schafen. Sie sind ihm zugewandt, sie hören seine Stimme. Er aber, Rede und Himmel verbindend, hat sein Schaf an seiner Brust geborgen und rettend in die herabneigende Himmelsphäre gehoben. „Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.“ Er setzt sich selber ungeschützt dem mörderischen Wolf aus, der aus dem Abgrund droht. „Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe.“ Die durchsichtigen Farbtöne des Chorfensters wollen als echtes Fenster die Färbung der Jahreszeiten durchscheinen lassen: Schneelicht, Sommergrün und Herbstbräune.

 

 

 

Quelle: Jürgen Bendig

Im Herausgehen erst nimmt die Gemeinde das dreiteilige Ostfenster wahr, in dessen Licht sie versammelt war. Da trohnt der Hirte als Weltenrichter auf dem Regenbogen. Hinter ihm weitet sich das Kreuz aus, und auch auf der verklärenden Mandorla gemahnen Blutstropfen an seine Lebenshingabe. In der Gebärde seiner Hände vollzieht sich das Gericht unwiderruflich: aufgerichtet zum Leben durch die erhobene Rechte, oder fallengelassen ins Leere: „Ich kenne euch nicht.“ Stellt uns der Mittelteil vor den Richter, dem wir entgegengehen, so weisen die Seitenflügel nach Matthäus 25 auf die Geringsten. „Was ihr ihnen antut,“ sagt der Herr, „das habt Ihr mir getan.“ Von links nähern sich ihm der Kranke und die Trauernde, rechts steht eine Mutter, wohl auf der Flucht. Davor hat sich der Künstler mit seinem Söhnchen andächtig kniend ins Bild gebracht. Auch er unter denen, die den Ruf hören: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Dieser Zuspruch wird für den hinausgehenden Betrachter noch einmal augenfällig im Bild der beiden Flügeltüren von den nistenden und den befreiten Vögeln.

 

Quelle: Jürgen Bendig

 

 

Die musikalische Begleitung des Gottesdienstes fand ab 1958 durch ein 4 registriges Orgelpositiv der Firma Steinmeyer statt. Diese zeigte sich mit der Zeit für die Kirche als zu klein dimensioniert. So entschied man sich 1988 eine neue Orgel der Firma Oberlinger für 161,082 DM zu erwerben. Sie besitzt 10 Register in den Manualen und 4 im Pedal. In einem Festgottesdienst wurde sie am 4.6.1989 eingeweiht.

 

 

 

In den eindrücklichen Erklärungen von Pfr. Wiegering wird besonders deutlich, was die Menschen zur Zeit des Kirchenbaus bewegte: der nicht weit zurückliegende Krieg mit allen seinen Folgen. Dabei wird immer wieder spürbar, welchen Trost die „Kirche des guten Hirten“ den seelischen Nöten, Ängsten, und Verwundungen der Menschen in dieser Zeit geben möchte. Aber auch den in Todtmoos nach Heilung suchenden Kranken möchte diese Kirche besonders Wege weisen. Beides hat die Ausgestaltung der Kirche maßgeblich bestimmt. Auch wenn sich unsere Voraussetzungen und Erfahrungen geändert haben, bleibt doch das Grundthema der Kirche auch für den heutigen Menschen aktuell. Ihre Gestaltung gibt Antwort auf die entscheidenden Fragen: Wo finde ich Trost und Geborgenheit in Leid, Not und Auswegslosigkeit? Wo finde ich neue Wege, die ich gehen kann? Wer begleitet mich auf meinem Weg? Wo finde ich Heimat?

Wer die Kirche betritt, wird auf den bergenden guten Hirten hingewiesen, dessen Namen sie trägt.

Jürgen Bendig